Vorgestellt: NEON Autorin Lena Steeg

Lena Steeg ist freie Mitarbeiterin bei der Zeitschrift NEON, lebt in Hamburg und ist gern im Internet unterwegs. Ihr Tag beginnt mit einem Blick aufs Smartphone: Mit Freunden schreiben und Mails checken. Über den Tag dann Facebook, Instagram oder Videos auf YouTube und Netflix – etwa 12 Stunden täglich nimmt das ein. Damit ist Lena nicht alleine – bei den meisten Nutzern ist das Handy nicht mehr wegzudenken. Wir haben Lena interviewt. 

Du bist Autorin einer jungen Zeitung – wie up to date musst Du sein?

Hoffentlich nicht sehr, sonst hat NEON mehr Probleme, als wir annehmen. Ich weiß leider auch gar nicht genau, was up to date im Detail bedeutet. Zum Glück aber teilen wir uns die Ressorts hier ein bisschen auf. Meine Kollegin Fiona beschäftigt sich mit Film, Nora mit Literatur, Marco und Jurek mit Musik. Und ich betreue die ehrlichen Kontaktanzeigen – In Vorbereitung darauf bin ich in Sachen Single-Leben wirklich sehr up to date.

Du beschäftigst dich viel mit sozialen Medien. Verbringen wir zu viel Zeit damit, in Verbindung zu bleiben?

Jetzt kann meine Antwort natürlich nicht „Ja“ lauten, sonst hätte ich offiziell ein therapiebedürftiges Problem. Oft gibt es ja diese Verteidigungstendenzen, ich kenne das von mir selbst: „Meine Freunde leben eben in anderen Städten, ich halte auf diese Weise Kontakt zu ihnen.“ Oder: „Ich muss ja auch sehr viel online recherchieren.“ – Alles Quatsch. Es gibt keinen richtigen oder falschen Handykonsum. Die Leute werden schon wissen, was ihnen daran gerade so wichtig ist. Wenn ich meine, dass ich 45 Minuten lang mit fünf verschiedenen Apps mein Selfie bearbeiten muss, ehe ich es mit dem Hashtag „No Filter“ bei Instagram poste, dann ist das auf vielen Ebenen bedenklich, aber bestimmt kein vorrangiges Handy-Konsum-Problem.

Du hast schon einige Punkte angesprochen, wie das Handy uns im Alltag behilflich sein kann. Welche Dinge findest Du denn eher negativ?

Ich glaube, dass die virtuelle Welt ein bisschen so wirkt wie einige Drogen es tun. Sie verstärkt die Tendenzen, Stimmungen, Charakterzüge, die eh schon da sind. Menschen, die reflexhaft neidisch auf die Leistung anderer reagieren, werden online Foren finden, in denen sie dieser Wut auf sich selbst freien Lauf lassen können. Gleichzeitig finde ich es aber so ein bisschen dumm, zu sagen: Das Virtuelle ist das Problem. Denn diese Menschen, die da so abartig eskalieren, die gibt es ja. Das sind Realpersonen. Und ob sie nun in einer Pegida-Demo, als Afd-Parteispacken oder in einer Kommentarspalte bei Zeitonline ihre Irrheiten entladen, ist letztlich irrelevant. Der Ort oder das Medium können nicht das entscheidende Kriterium sein. Der Buchdruck erlaubt es Thilo Sarrazin und der Afd ja auch, ihre Blödsinnsgedanken auf Sachbuch- oder Broschürenseiten in der Welt zu verteilen. Aber so richtig Schuld daran, dass sie von tausenden Menschen bereitwillig gelesen werden, sind Druckwalzen und Regenwaldholz ja nun nicht.

In deinen Artikel schreibst Du auch von deinem Internetkumpel Nilz – Was macht eure Freundschaft durch das Internet so anders und besonders?

Nilz musste mich noch nie mit fettigen Haaren oder Augenringen sehen, denn ich benutze ja, wie wir erfahren haben, gerne Filter. Abgesehen davon sind Internetfreundschaften aber genau wie analoge. Manchmal erzählt man sich die privatesten Dinge. Manchmal, wie aktuell, hat man Wochen und Monate keinen Kontakt. Ja, das ist vielleicht ein Unterschied: Es ist ein bisschen leichter, Abstand aufzubauen, wenn man keine Zeit hat. Und gleichzeitig rührt mich das sehr, wie nah sich Menschen digital kommen können. Zum Beispiel mit Steffi, die ich nur über Facebook kenne. Wir haben irgendwann über ganz banale Auslöser miteinander Kontakt aufgenommen. Steffi war bei der Lesung eines Autors, den sie aus einem NEON-Interview von mir kannte. Sie schrieb mir das und ein paar Stunden später hatten wir uns gegenseitig die wichtigsten Stationen unserer früheren Vergangenheit erzählt.  

Gab es schon mal eine Situation, wo du Dir einfach nur dachtest „Leg jetzt doch mal bitte dein Handy weg!“?

Ich habe meinem Exfreund zum Geburtstag mal ein Kopfkissen besticken lassen mit einem Wort: #handyaus.

Wenn Du auf der Suche nach Themen bist – kommen die Ideen und Inspirationen aus dem Internet oder aus ganz normalen Alltagssituationen?

Die Inspirationen kommen aus dem Leben und da unterscheide ich gar nicht groß zwischen analog und digital. Anfang des Frühlings, zum Beispiel, war ich sehr analog verliebt in jemanden, was mir allerdings erst so richtig klar wurde, als ich mich dabei beobachtete, Dinge nicht mehr wegzuwerfen. Kinokarten, Theatertickets, ein Stück neongrünes Gaffa-Tape, zwei Haarklammern, die ich mal bei ihm vergessen hatte – musste alles in eine Box gelegt werden. Ich wurde zum Liebes-Messie. Daraus habe ich dann einen Text für NEON gemacht, der jetzt auf dem Neon-Blog fortgeführt wird. Denn es kam heraus (und so ist es fast immer): Ich bin nicht sehr originell. Wenn ich etwas tue/fühle/nicht verstehe, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich damit nicht alleine bin. Und im speziellen Fall öffnen jetzt auf unserer Seite ganz viele Menschen ihre Erinnerungsschachteln an erste, letzte oder längst vergessene Lieben. Das finde ich sehr schön.

Dich inspiriert Udo Lindenberg ja sehr und vor kurzem hat er deinen Tweet favorisiert – Soziale Netzwerke machen es möglich, oder?

Das Lustige daran ist, dass ich mit der Frau, die Udos Kanäle betreut, befreundet bin. Ich weiß also: Ah, Schwessi hat gerade mein Foto favorisiert. Trotzdem kommt emotional bei mir an: UDO LINDENBERG GEFÄLLT MEIN BILD! Das ist toll, für diese Realitätsvernebelung liebe ich das Internet sehr. Es stellt Nähe her und diese Nähe ist nur teilweise trügerisch, weil sie die Verbindung zu Udo Lindenberg ja wirklich verstärkt. Am vergangenen Wochenende habe ich für ihn von seinem Konzert in Timmendorf getwittert. Die Aufgabe war, so ein bisschen was zur Stimmung zu schreiben. Und weil ich ja aber Fan bin und „ein bisschen“ eine sehr biegsame Maßeinheit ist, habe ich zu fast jedem Lied irgendetwas geschrieben, fotografiert, gefilmt. Nach einer Stunde sagte besagte Schwessi: „Reicht total. Genieß doch jetzt mal das Konzert.“ Aber ich hatte ja noch (keine ausgedachte Zahl) 256 Fotos und Videos, von denen ich dachte, die Welt müsse sie dringend sehen. Und die Welt fand das in ihrer Gesamtheit zwar nicht, aber eine Frau, Corinna Lammert, mir bis dahin völlig unbekannt, twitterte irgendwann zurück, sie habe aufgrund der umfassenden Berichterstattung das Gefühl, „fast dabei zu sein“. Wenn soziale Netzwerke das möglich machen, dass ich einen Hauch Udo-Lindenberg-Konzertgefühl rüberzwitschern kann, dann ist das doch ein Erfolg.

Und zum Schluss: Welche App benutzt Du am häufigsten und weshalb gerade diese?

Darf ich drei nennen? Ja, oder? Also: Whatsapp, weil ich nicht telefoniere, aber neuerdings sehr gerne Sprachnachrichten verschicke. Instagram (die Filter!). Und Kleiderkreisel.

Danke Lena!

Das Interview hat Hitwave Reporterin Antonia Kunze über WhatsApp geführt.

Foto: Eva Marlene Etzel / 1000 Zeichen