USA: Schüler nach High School-Massaker in Angst

Schüler aus Detroit - Foto: Nico Nölken // Radio Hitwave

Die stets präsente Bedrohungslage an US-amerikanischen High Schools aufgrund vergangener Amokläufe macht Schüler zunehmend nervös und rückt die mediale Aufmerksamkeit auf eine Verschärfung der Waffengesetze. Nachdem Hunderttausende gegen die anhaltenden Schul-Massaker auf die Straße gegangen waren sprach Hitwave-Reporter Nico Nölken mit Schülern aus Detroit, die vor wenigen Wochen selbst Opfer einer Amokdrohung wurden, über mögliche Lösungsansätze und ihre realistischen Einschätzungen eines politischen Wandels.

Im Februar sorgte das 30. Schusswaffen-Massaker in den USA in diesem Jahr für internationale Schlagzeilen: 17 Personen wurden bei einem Amoklauf an einer High School in Florida getötet. Laut dem US-Nachrichtensender CNN finden in dem Land aktuell durchschnittlich 1,4 Amokläufe pro Woche allein an Schulen statt.

Als Reaktion auf die Ereignisse schlossen sich zahlreiche lokale Initiativen zur nationalen Bewegung „March For Our Lives“ („Marsch für unsere Leben“) zusammen. Im März gingen bei landesweiten Kundgebungen Hunderttausende für schärfere Waffengesetze und gegen die Arbeit der Waffenlobby NRA („Nationale Gewehr-Vereinigung“) auf die Straße. Auch den Politikern, die sich von der Lobbyorganisation im Wahlkampf finanziell unterstützen lassen, wurde der Kampf angesagt: Die Veranstalter setzen auf einen Wandel bei den Zwischenwahlen im Herbst 2018, zu denen in den USA rund 90 Millionen junge Menschen zum ersten Mal an die Wahlurne treten dürfen. 

In der Auto-Metropole Detroit protestierten ebenfalls tausende, insbesondere junge Menschen gegen Waffengewalt. Mit Slogans wie „Hey, NRA, wie viele Kinder habt ihr heute getötet?“ und „Genug ist genug!“ machten die Schüler auf sich aufmerksam. In der Metropolregion liegt die North Farmington High School, an der im März ebenfalls ein Amoklauf angedroht wurde. Ein Großteil der Schulgemeinschaft inklusive Lehrern demonstrierte hier im selben Monat im Rahmen des „National Walkout Day“ für schärfere Waffengesetze.

Adrianah Lee besucht die zwölfte Klasse der Schule und hat die anhaltende Bedrohung stets vor Augen: „Es machte mir vor allem nach dem Amoklauf in Florida Angst, durch die Flure der eigenen Schule zu gehen.“ 

Wie ihre Mitschüler nimmt auch Morgan Berg seit ihrer Kindheit immer wieder an Übungen teil, in denen die richtige Verhaltensweise im Falle eines Schul-Massakers trainiert wird. „Es macht mich jeden Tag nervös hier zu sein, da ständig eine bewaffnete Person reinkommen und um sich schießen könnte“, erklärt Berg. Für Griffin Krause ist die Bedrohung zwar präsent, aber keine Ausnahmesituation: „Die wöchentlichen Amokläufe sind zur Normalität geworden, auch wenn es eigentlich unerträglich ist.“ 

Sean McGuckin, der als Lehrer das von der Schule produzierte Lokalfernsehen leitet, weiß, dass der Schuldistrikt die Sicherheitsvorkehrungen im Hinblick auf die Gefährdungslage weiter verschärft hat. An der High School sind drei Fluraufsichten tätig, die vorbeigehende Schüler kontrollieren. Zur Toilette oder in den Flur darf man hier nur mit Passierscheinen, die von den Lehrern unterzeichnet werden müssen. Neben Sicherheitskameras in jedem Winkel sollen auch Türen, die während der Unterrichtszeit von außen verschlossen bleiben, Gefahrensituationen verhindern.

Um der absoluten Sicherheit näher zu kommen, gehen benachbarte Schulen bereits einen Schritt weiter: „Ich kenne einige High Schools in Detroit, in denen man sogar vor Schulbeginn Sicherheitskontrollen mit Metalldetektoren passieren muss“, sagt Schülerin Hailey Samples. 

Als mögliche Lösung setzen andere Bildungsstätten mittlerweile auf transparente Rucksäcke. Die Schüler in Detroit zeigen sich von der Idee wenig begeistert: „Transparente Rucksäcke würden die Privatsphäre von Schülern verletzen, weil insbesondere Mädchen ihre Hygieneartikel nicht allen zeigen möchten“, meint Adrianah Lee.

Um im Ernstfall schnell reagieren zu können hat US-Präsident Donald Trump im Februar vorgeschlagen, Lehrkräfte zu bewaffnen. High School-Lehrer Sean McGuckin, der selbst leidenschaftlicher Jäger und Waffenbesitzer ist, sieht diese Idee kritisch: „Die Verantwortung eine Waffe zu tragen ist immens und der Wille, diese Verantwortung zu übernehmen, müsste bei den Lehrern da sein.“ Er ergänzt: „Ich sehe die Gefahr, dass mir Schüler die Waffe entwenden könnten, wenn ich beispielsweise gerade die Anwesenheit feststelle, und dann eine Bedrohung darstellen.“ Adrianah Lee blickt aus einer anderen Perspektive auf den Lösungsvorschlag: „Ich vertraue einigen Lehrern mit Waffen einfach nicht.“

Eine Verschärfung der Waffengesetze scheint aus heutiger Sicht noch in weiter Ferne: Der zweite Zusatzartikel der Verfassung verbietet der US-Bundesregierung, das Recht auf Besitz und Tragen von Waffen einzuschränken. Gemeinsam mit neun weiteren Zusatzartikeln wurde er 1791 verabschiedet. 

„Zu der Zeit waren dunkelhäutige Menschen auch nur drei Fünftel eines Menschen wert. Offensichtlich haben sich seitdem viele Dinge verändert“, meint Griffin Krause. Dem Zwölftklässler ist aber auch bewusst, wie stark die amerikanische Gesellschaft in dieser grundlegenden Frage gespalten ist: „Die Fronten sind so verhärtet, dass eine Abschaffung des zweiten Zusatzartikels vermutlich zu einem Bürgerkrieg führen könnte.“

Wie bei zahlreichen anderen Amokläufen benutzte der Täter des Schul-Massakers von Florida auch ein Sturmgewehr vom Typ AR-15, das zwischenzeitlich verboten war und in den USA mittlerweile wieder frei erhältlich ist. Die Waffe wird in einer sehr ähnlichen Bauweise vom Militär genutzt und ist auf die Abgabe von sehr vielen Schüssen in einem sehr geringen Zeitraum ausgelegt. Der Fokus der „March For Our Lives“-Bewegung liegt nicht auf der grundsätzlichen Abschaffung des zweiten Zusatzartikels, sondern auf der Forderung von Hintergrundchecks bei Waffenkäufern und dem Verbot von ausgewählten Schnellfeuerwaffen. 

Für Sean McGuckin sind diese Forderungen nur logisch: „Ich hätte kein Problem damit, jede Schusswaffe zu registrieren und sicher wegzuschließen.“ Selbst diese, für die Mehrheit der Bevölkerung unbemerkbaren Einschränkungen gehen laut Morgan Berg vielen zu weit: „Es gibt definitiv einige Schüler, die auf der aktuellen Rechtslage beharren und auch Schnellfeuerwaffen offen gutheißen. Da andere Länder diese Probleme nicht haben, sollten wir uns aber dahingehend anpassen, um ein sichereres Leben führen zu können. Es ist wichtig, dass wir als Schüler unsere Meinung nun lautstark äußern.“ Auch Lehrer Sean McGuckin ist sich sicher: „Es ist eine fortlaufende Bewegung und diese Jugendlichen werden den Wandel herbeiführen.“

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