Zum Jahreswechsel ändert sich nicht nur unser Kalender, sondern auch die Zusammensetzung der EU. Dann tritt nämlich Großbritannien offiziell aus der EU aus. Wie genau dieser Austritt aussehen soll, ist aber wenige Tage vor dem Termin noch mehr als unklar. Vor allem der Zutritt des Landes zum europäischen Binnenmarkt ist ein heikles Thema, denn dieser ist nicht nur für Großbritannien selbst von Bedeutung, sondern hat auch Auswirkungen auf Deutschland. „Wenn es keine Einigung geben sollte, bis Ende des Jahres, werden in erster Linie Zölle auf die Unternehmen zukommen“, sagt Mathias Dubbert, Referatsleiter Europapolitik des deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Das wird dann teuer für die deutschen Unternehmer und gleichzeitig auch für die Konsumenten auf der Insel. Die Antwort auf den Binnenmarkt-Streit dürfte maßgeblich davon abhängen, ob sich Johnson weigert, europäische Richtlinien anzuerkennen. Nur dann können Produkte ohne Kontrollen, beispielsweise von Grenzwerten krebserregender Stoffe in Lebensmitteln, ausgetauscht werden.

Weniger wichtig, aber umso emotionaler ist die Frage der Fischereirechte. Hier sind die Fronten so stark verhärtet, dass europäische Fischer, die sonst vor Großbritannien fischten, um ihre Existenz bangen müssen. In Brüssel streiten sich Johnson und Von der Leyen zudem über den Tourismus und die Möglichkeit, als Mitglied der EU nach dem Brexit in Großbritannien zu bleiben. Gaststudenten, Auswanderer und Urlauber graut es bereits vor hohen Visa-Gebühren, während Tourismus-Anbieter hoffen, dass die Inseltouristen nun mehr im Inland Urlaub machen. Diese Hoffnung stützt sich weniger darauf, dass man im neuen Jahr für Großbritannien einen Reisepass braucht, sondern mehr auf die Tatsache, dass es wegen zusätzlicher Formalitäten zu Staus an den Grenzen kommen wird.

Staus, die auch die deutschen Automobilfirmen fürchten. Ihre Just-in-time Produktion gerät ins Wanken, wenn Einzelteile an der Grenze feststecken. Große Unternehmen hamstern daher gerade nicht Toilettenpapier, sondern Scheinwerfer, Radkappen und was sonst noch so aus Großbritannien importiert wird, um sich auf einen chaotischen Zustand vorzubereiten.

Dass der Brexit noch einmal aufgeschoben wird, schließen die Politiker und Experten einstimmig aus. Am 01. Januar 2020 ist das Ringen um die Trennung wahrscheinlich noch nicht abgeschlossen, die Scheidung aber endgültig vollzogen. Hoffnung macht die Lösung des Nordirland-Streit. Johnson hatte eingelenkt, die Grenzen zwischen dem EU-Mitglied Irland und Nordirland nun doch offen zu lassen und so Schwierigkeiten für die lokale Bevölkerung zu verhindern. Wie weit er bereit ist, weitere Kompromisse einzugehen, ist ungewiss.