Seit Februar 2020 ist das Vereinigte Königreich nicht mehr Mitglied der Europäischen Union. Vier Jahre zogen sich die Verhandlungen hin und dennoch sind wesentliche Fragen bis heute nicht abschließend geklärt. Das zeigte zuletzt auch der Konflikt vor Jersey, einer britischen Insel, die nur wenige Kilometer vor Frankreich liegt. Aufgrund von neuen Fischereilizenzen blockierten dort im Ärmelkanal französische Fischer die Gewässer. Premierminister Johnson schickte die Marine, woraufhin Frankreich seinerseits weitere Boote entsandte. Erst wenige Tage zuvor hatte die für Meerespolitik zuständige französische Ministerin Annick Girardin gedroht, die Stromversorgung Jerseys zu kappen, sollten Frankreichs Fischer keinen uneingeschränkten Zugang zu den Fanggründen erhalten. Die Eskalation des Konflikts konnte letztlich durch die Aufnahme neuer Verhandlungen im letzten Moment verhindert werden.

Bei einem weiteren Streit, dem zwischen Irland und Nordirland, ist eine Lösung hingegen nicht in Sicht. Immer wieder keimen seit dem Brexit die alten Streitigkeiten zwischen den beiden Regionen wieder auf, zuletzt auch in Form von gewaltsamen Protesten. Die Nordiren fühlen sich als ,,Briten zweiter Klasse“, da sie sich seit der neuen Grenze schlechter mit der Hauptinsel, die zur EU gehört, austauschen können.

Grenzen sind derweil auch für die britischen Firmen ein großes Problem. Aufgrund von neuen bürokratischen Hürden dauert der Transport in die EU länger und ist mit höheren Kosten verbunden. Laut einer Umfrage eines britischen Branchenverbands haben mehr als 20 Prozent der kleineren Exporteure ihre Lieferungen in die EU gestoppt. 14 Prozent erwägen, ihr EU-Geschäft vollständig aufzugeben oder haben dies bereits getan. Das lege nicht an der Pandemie, sondern am Brexit, betonen Wirtschaftsverbände immer wieder. Boris Johnson möchte davon jedoch nichts hören und spricht von ,,Anfangsschwierigkeiten“.

Diese wollten viele Finanzunternehmen von Anfang an nicht mittragen und wanderten aus dem Vereinigten Königreich in die EU ab. Das habe den Finanzstandort London nachhaltig geschwächt, bedauern die rund 400 abgewanderten Unternehmen. Sie haben nun Standorte in Dublin, Paris oder Frankfurt, wohin es auch viele Forschungsgruppen verschlagen hat, die hier vom europäischen Austausch profitieren.

Es wird noch lange dauern, bis die Folgen des Brexits statistisch nachweisbar sind. Aktuell schiebt die Regierung des Vereinigten Königreichs viele Effekte der Pandemie zu. Damit kommt sie bei den vergangenen Wahlen in Schottland jedoch nicht weiter. Die Nationalisten, die ein neues Unabhängigkeitsreferendum anstreben, konnten große Gewinne einfahren und so wird es immer wahrscheinlicher, dass das Königreich zerfällt. Die Schotten hatten beim letzten Referendum zwar gegen die Unabhängigkeit gestimmt, doch seit dem Brexit wurde der Wunsch größer, in der EU zu bleiben. Notfalls auch, wenn das einen Bruch mit dem Königreich bedeuten würde.

Wie sich die Situation entschärfen lässt, das muss nun Boris Johnson klären, wenn er bei der nächsten Wahl gewinnen möchte. Seine Zustimmungswerte stiegen zwar zuletzt wegen der erfolgreichen Impfstoffbeschaffung, doch Politologen sehen darin keinen dauerhaften Trend.

Foto: Simon Brinkmann